der Wert des menschlichen Lebens

Hat das menschliche Leben einen greifbaren Wert? Das kommt ganz darauf an, aus welchem Blickwinkel man die Frage betrachtet. Hier stehen sich wie so häufig Ethik und Ökonomie gegenüber – eine Kontroverse, die fortlaufend Subjekt von Debatten in der Politik und dem Recht ist. Versuchen wir der Frage etwas näher zu kommen.

 

Es gibt viele Indizien, die Teile des menschlichen Lebens und somit dem Leben selbst einen Wert beimessen. Beispiele hierfür sind die Organe und das Blut, welche/s jeder Mensch mit sich herumträgt. Das lässt sich über die persönliche E-Mail-Adresse und dem Datenverkehr als moderner Konsument der Gegenwart, bis hin zum Schmerzensgeld und der Lebensversicherung aufflechten. Mit einem Mindestlohn von 13€ wird die Lebenszeit eines Menschen in den Diensten deiner Erwartung für 60 Minuten bepreist. Wenn man sich überlegt, dass die Arbeitskraft beim Verrichten seiner Arbeit keinen Spaß empfindet und möglicherweise nicht mit einem großartigen Erinnerungsschatz heimkehrt, so halte ich 100€ für den Kauf einer menschlichen Dienstleistung für einen Tag äußerst gering – denn einen viel größeren Nutzen erwartet den Angestellten neben seiner Arbeitserfahrung nicht. Der Arbeitnehmer geht dabei einen Handel ein: Produkt ist seine Lebenszeit, welche mit wenig Geld vergütet eine Kompensation für die Einfältigkeit einer unfreiwilligen Arbeit aufbringen soll. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Waage Osiris‘ hier ganz stark nach rechts schwanken und sich die 100€-Note als tatsächlich so leicht offenbaren würde, wie sie es als Grammzahl ist. 

Eines der beliebtesten Schuldilemmas des Ethikunterrichts ist der „Passagierflugzeugfall“. Verzichten wir einmal getrost auf die Tatsache, dass bei einem geglückten Absturz des Flugzeugs in ein Stadium die Besatzung ohnehin sterben würde, so argumentiert der deutsche Rechtsstaat mit dem Grundrecht des Menschen. Jeder einzelne Mensch hat das Recht auf eine körperliche Unversehrtheit und eine unantastbare Würde. Doch ziehen wir das Beispiel ins theoretische Extrem und stellen einen Nuklearbombenflieger gegen eine 10 Millionen Einwohnermetropole. Sofern die Bombe bei Abschuss nicht ohnehin explodieren würde und die Kriegskomponente keine Rolle spielt, stehen hier 10 Millionen Menschen einer einzelnen Person gegenüber. Wohl kaum einer würde sich nicht für die Bevölkerung entscheiden wollen. Dadurch wird der Wert des Fliegers in Zahlen als geringer kundgetan. Ohne eine emotionale Grenze zu setzten, ließe sich daraus schlussfolgern, dass 2 Menschenleben mehr Wert sind als eines. Das wiederum scheint vielen Leuten falsch, also wo setzt man die Grenze? Nun ja… vielleicht möchte man sich den Hintergrund der potenziell Sterbenden anschauen. And this is, where it’s getting interesting. 

Ein deutscher Ökonom berechnete den durchschnittlichen Wert eines Menschenlebens in Deutschland und gelangt zu einem Ergebnis von 1,65 Millionen Euro. Dabei war das Leben eines Mannes wertvoller als das einer Frau und ich bin mir sicher, dass er in den meisten anderen Ländern auf eine geringere Summe gekommen wäre. Das klingt in den meisten Ohren sehr dekadent und unbegreiflich. Was den Menschen unserem Verständnis nach einzigartig macht, scheint zugleich das größte Gegenargument für die Festlegung eines tatsächlichen Wertes für das Leben eines Menschen zu sein: Jeder von uns verfügt über ein Bewusstsein. Es ist unabdinglich für unsere Existenz und doch unerreichbar für unsere Physis. Die Preisermittlung eines Bewusstseins würde voraussetzen, dass ein Subjekt als wertiger wie das andere zu empfunden wird. Woran misst man diesen Wert? An seiner Gesundheit? An seinem politischen Verständnis und Hintergrund, oder doch an seinem Net Worth? Dadurch würde der Urteilende allgemeingültig definieren, was besser und was schlechter, ergo was richtig und was falsch ist. Menschen die lange genug auf der Welt leben werden verstehen, dass solch ein Schwarz-Weiß-Denken im Grunde nicht existent ist. Und trotzdem kann ich dieses Thema nicht vollständig rational betrachten.

Obgleich mir der folgende Abschnitt viel Kritik einbringen wird, befinde ich das Leben jeder Person entsprechend meines Eindrucks als mehr oder weniger wertvoll. Die ausschlaggebenden Kriterien sind eben jene von denen ich ein paar Sekunden vorher abgeraten habe, sie als Maßstab zu nehmen. Ich definiere den Wert eines Menschen an seiner Gesundheit, seinem Alter, seiner Intelligenz, seinem Charakter und der daraus entstehenden Moral, seinen Handlungen und meiner emotionalen Verbindung zu ihm. Genau diese Berechnung eröffnet ein Feld der Inkonsistenz. Ich würde ohne ein Augenzwinkern hunderte Menschen sterben lassen um meine Familie zu retten, doch rege mich darüber auf, wenn mit einer Covid- und Ukrainekrise die Spendenbeiträge in die Höhe schießen, wenn bei gleicher Leistung bereits seit Jahren durch Hungerbekämpfung deutlich mehr Leid verhindert und Leben gerettet werden können. Jeder Mensch schätzt das Leben Nahestehender persönlich wertvoller ein, als das Fremder. So wie die Mehrheit dem Neugeborenen mehr Wert als dem Zentenar zukommen lässt, befinde ich dasselbe Urteil mit einem zweiten Neugeborenen, dass durch eine Behinderung einer verringerten Lebenserwartung unterliegt. Damit würde ich behaupten rationaler zu denken, doch diese These findet spätestens bei mir selbst ein Ende. Denn weil ich mir selbst neben wenigen Anderen am wichtigsten bin, schätze ich den Wert meines Lebens am höchsten ein. Egozentrisch? Vielleicht. Ich würde euch gerne das letzte Stück Brot vor dem Verhungern teilen sehen. 

Der Grund, wieso viele moralische Prinzipien der Ethik für mich nicht real anwendbar sind, ist ihre bedingungslose Gültigkeit. Der kategorische Imperativ entgeht mit dem Setzen einer Maxime zwar dem Problem der Befangenheit einer Entscheidungsfindung. Dafür ist er in unendlich vielen Fallbeispielen absolut Ass uns nur mit viel Fantasie als allgemein gültig anzusehen. Wir schießen in Deutschland keine Flugzeuge ab, weil unser Gesetzt nicht mordet. Wir haben jedoch kein Problem damit, einem Menschen Geld für seine fremdverschuldete lebenslange Behinderung zu zahlen… nun ja etwas anderes bleibt uns wohl auch nicht übrig. Meine Divise ist das Finden der goldenen Mitte; mit der Kenntnis keine exakte Mitte finden zu können. Wenigstens lässt sich offenkundig bestimmen, dass wir - nur weil wir einen Wert haben – nicht gleich handelbar sind. ;)

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