Sturmseelen
Sturmseelen sind Menschen, die nicht einfach leben – sie stürmen durch die Welt. Sie tragen den Wind im Haar und das Kind im Herzen. Sie sind naiv, jung und mit ihnen zu sein fühlt sich frei an. Sie wandeln unbekümmert und sorglos umher, doch liegt ihnen eine stille Schwere inne - gekonnt überdeckt durch den Wirbel an schwungvollem Optimismus, der sie ein Leben lang begleitet. Diese Last ist schwer zu deuten und nur dann überhaupt zu lesen, wenn man es schafft durch den Sturm hindurchzuschauen.
Eine Sturmseele ist sprunghaft und hat ihren Platz im Leben noch nicht gefunden – doch vielleicht ist das ihr Platz: Auf dem Weg und im Dazwischen. Mit ihnen unterwegs zu sein fühlt sich an, als wäre man eine Nebenfigur in ihrem Film – und man genießt es, weil ihr Blick auf die Welt für den Moment b ist als der eigene. Sie begegnen jedem Ereignis, jedem Menschen, mit einer Offenheit und Insolenz, die man aus der eigenen Kindheit längst verloren glaubte... ja sie sind kindlich. Ihre Jugend ist nicht ihr Alter, sondern ihre Art. Sie sind nicht nur jung, sie verjüngen alles um sich herum.
Sturmseelen verwirren andere Menschen mit ihrer Gegenwart, weil sie in kein Konzept einzuordnen sind. Sie kommen mir nicht vor wie Menschen, sondern geschriebene Charaktere und doch sind sie auf eine Weise menschlicher als die meisten Personen die ich wahrnehme. Ich habe in meinem Leben bisher drei Sturmseelen kennengelernt. Mit jeder bestand eine Nähe, intim nur für eine Nacht – doch in meinem Herzen ein Leben lang.
Eine Beziehung mit einer Sturmseele könnte ich mir niemals vorstellen… lieber bewundere ich diese Wesen als Teil ihrer Geschichte. Denn sie haben die einzigartige Fähigkeit mich mein Leben nicht als meine Geschichte sehen zu lassen, sondern mich in ihre Wirklichkeit zu versetzen – als würde ich nicht meine Geschichte leben, sondern einen Abschnitt als Teil der ihren.
Ich erkenne vieles von einer Sturmseele in mir selbst wieder, doch liegt auf mir die Schwere der gesellschaftlichen Konventionen, die sie in ihrer Unbedingtheit nicht kennen. Vielleicht sehen ja andere in mir einen Sturmmenschen, obwohl ich mich selbst nicht so wahrnehme.

