Prima Facie
Ich habe vor Kurzem eine Theatervorstellung besucht, die alles an theatralischer Erfahrung in den Schatten stellte, was ich bislang kannte. Das von der Australierin Suzie Miller verfasste Werk „Prima Facie“ wurde 2019 im Stables Theatre in Sydney uraufgeführt und seither mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Das Stück erzählt von einer erfolgreichen Strafverteidigerin, die sich auf die Verteidigung von Sexualstraftätern spezialisiert hat und nach einem eigenen Übergriff den Glauben an das Rechtssystem verliert – weil sie erkennt, dass es bei Sexualdelikten oftmals nicht um Wahrheit, sondern um Beweisbarkeit geht. Der Veranstaltungsort war das Staatstheater Darmstadt, die Regie führte Anna Bergmann, die darstellerische Umsetzung lag in den Händen von Emily Klinge.
Warum hat mich diese Inszenierung derart nachhaltig beeindruckt? Zum einen stehe ich noch am Anfang meiner Auseinandersetzung mit dem Theater und versuche, diesen weiten, vielschichtigen Kosmos zunehmend zu durchdringen. Auch wenn ich in den vergangenen Wochen mit mindestens einer Vorstellung pro Woche intensiv in unterschiedlichste Inszenierungen eingetaucht bin, erscheint mir meine eigene Erfahrung angesichts der immensen Bandbreite an Autoren, Werken, Häusern und Darstellern nach wie vor äußerst begrenzt. Umso interessanter ist die Feststellung, dass ich bislang keine einzige Theatervorstellung erlebt habe, die mich derart in ihren Bann zog, wie es ein herausragender Kinofilm vermag.
Grundsätzlich habe ich das Gefühl, einen sehr hohen künstlerischen Anspruch an Live-Performances zu stellen – bis zu jenem Punkt, an dem ich sagen kann: „Ja, das war das Beste, was ich mir an diesem Abend hätte ansehen können.“ – „Ja, das war eine in sich vollendete, perfekte Darbietung.“ Tatsächlich erinnere ich mich nur an drei Erlebnisse, die ein solches Empfinden in mir ausgelöst haben: Die österreichische Landestanzmeisterschaft, ein Bian-Lian-Performer in Verbindung mit Mixed Martial Arts und modernen Varieté-Elementen sowie eine afrikanische Akrobatikgruppe. All diese Darbietungen einte, dass sie mich – unter den unzähligen Performances, die ich bislang gesehen habe – zu den wenigen Momenten führten, in denen ich mich selbst vollständig verlor: Begleitet von einem Lachen so ehrlich, dass es jede Wolke vertreibt und einem Weinen so klar, dass kein Gewässer es trüben könnte.
Doch eine derartige Erfahrung hatte ich im Theater bislang nie gemacht – nicht einmal annähernd. Ich glaube, das liegt für mich daran, dass man Bühnendarstellern stets anmerkt, dass sie spielen – nicht, weil sie es schlecht täten, ganz im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass ein guter Schauspieler auf der Bühne nicht nur spricht und empfindet, sondern das Dargestellte in gewisser Weise tatsächlich durchlebt. Und doch entzieht sich das Theater als Medium einem vollständigen Realismus; es erzeugt eine Form von Künstlichkeit, die das Geschehen für mich nicht gänzlich wahrhaftig erscheinen lässt. Wahrhaftig im Charakter – ja. Doch nicht eindringlich im Narrativ. Gerade das Sprechtheater erhebt stärker als Tanz oder Akrobatik den Anspruch, eine kohärente Geschichte zu erzählen. Dieser Anspruch ist essenziell für seine Kunst - ohne ihn könnte es nicht existieren - doch zugleich nimmt er mir bislang die Möglichkeit, mich vollkommen in der Vorstellung zu verlieren. Nun, „Prima Facie“ hat mich eines Besseren belehrt. Dieses Stück vereinte so vieles, was ich bis dato in solcher Form noch nicht kannte. Das Ein-Personen-Stück stellt uns nur eine einzige Figur gegenüber: Eine Erzählerin, die uns über die nächsten 105 Minuten narrativ trägt, während sie zugleich selbst spielt. Es beginnt mit einer Szene, die sicherlich nicht für jeden leicht anzuschauen ist: Die Hauptfigur Tessa Ensler wird vergewaltigt. Wir finden uns in dieser intensiven und wahrhaftigen Darstellung auf beklemmende Weise wieder, hören ihren Hilfeschrei und das klare, unmissverständliche Aussprechen der Situation – „HILFE, ich werde vergewaltigt“.
Kaum vorstellbar, dass im weiteren Verlauf der Saal an mehreren Stellen in Gelächter ausbrechen wird, und doch liegt vermutlich genau in dieser emotionalen Spannweite die Kunst einer gelungenen Dramaturgie. Suzie Miller beherrscht die Erzählstruktur, indem sie ihre Hauptfigur zugleich den Rahmen der Handlung skizzieren und einen tiefen Einblick in deren Innenleben gewähren lässt. Darüber hinaus werden weitere Figuren durch präzise gesetzte, markante Brüche verkörpert und imitiert, sodass man zeitweise den Eindruck gewinnt, Emily Klinge spiele an diesem Abend nicht einen, sondern zehn Charaktere. Hinzu kommt die Einbindung des Publikums: Immer wieder bewegt sich Emily in unsere Reihen hinein und nutzt uns als Teil ihrer Performance. Dieses Konzept - für einen Theaterkenner wahrscheinlich nicht fremd - ist brilliant, weil es dich als Zuschauer instrumentalisiert und Teil der Geschichte werden lässt, die du dir eigentlich nur anschauen wolltest. Es verschiebt das Verhältnis von distanzierter Betrachtung hin zu einer Form immersiver Teilhabe. Und auch wenn es nach meiner bisherigen Logik den Realismus hätte brechen müssen, bewirkte es bei mir das Gegenteil: Es zog mich nicht aus der Erfahrung heraus, sondern tiefer hinein.
Zunehmend hing ich an den Worten dieser Anwältin, die ein System verkörpert, von dem sie letztlich selbst gebrochen wird. „Prima Facie“ behandelt mein ganz persönliches zentrales moralisches Spannungsfeld – das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit – unter dem thematischen Fokus sexualisierter Gewalt. Warum zählt im Gerichtssaal, der uns alle schützen soll, die Beweisbarkeit mehr als die Wahrheit? Und wie lässt sich Wahrheit überhaupt vermitteln, wenn sexualisierte Gewalt nicht in das starre Raster juristischer Logik passt? Diese Fragen werden uns in einer Abfolge fein austarierter Monologe vorgelegt und entfalten ihre Wirkung nicht durch Belehrung, sondern durch Konfrontation. Und wieder kommt das Gefühl auf, dass ich als Mann eine Mitverantwortung - nein, eine Mitschuld an dem Leiden der Frauen trage. Genauso wie ich als Weißer ein Schuldgefühl gegenüber Rassismus entwickle, obwohl ich mich klar dagegen positioniere. Dabei habe ich doch gar nichts getan? Und dennoch sitze ich im Saal und fühle mich erdrückt. Erdrückt von dem Gewicht sozialer und gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, das Frauen auf dieser Welt zu stemmen haben.
Ich wüsste keine eindringlichere Form der Darstellung, um ein Publikum mit derart prekären Themen zu konfrontieren. Gegen Ende richtet Emily Klinge das Wort direkt an den Saal und bittet all jene aufzustehen, die eine Person kennen, die sexualisierte Gewalt erfahren hat. Als sich etwa 80% der Zuschauer erhebten, durften sich auch fast alle schon wieder hinsetzen, weil als nächstes nur diejenigen weiterstanden, die wussten, dass der entsprechende Fall tatsächlich angezeigt und vor Gericht verhandelt wurde. Es war ein Schlag ins Gesicht. In das Gesicht jeder Person, insbesondere jeden Mannes, der in diesem Publikum saß. Denn es gibt zahllose Opfer, doch niemand kennt einen Täter. In diesen und vielen weiteren Momenten beherrscht Emily Klinge den Raum mit beeindruckender Präzision, während die emotionale Resonanz vollständig beim Publikum liegt. Sie führt uns durch Zustände von Verzweiflung, Erkenntnis und Überforderung und legt dabei die strukturelle Unfassbarkeit dieses Themas offen. Opfer verlieren nicht nur häufig vor Gericht – sie sind zudem gezwungen, das Erlebte unter öffentlicher Beobachtung erneut zu durchlaufen. Und wofür?
Ein prägnanter Teil der Erzählung ist die Erinnerung an eine Klägerin, deren Fall von Tessa Ensler erfolgreich abgewehrt wurde. Diese Frau äußerte, dass dass ihr das Ganze doch nichts bringe - nein, sie mache das, um alle Frauen vor dem Täter zu schützen. Dieses Opfer wurde sogar in Form von Namensschildern, genauso wie Richter und Mandant situativ aus dem Zuschauerraum heraus besetzt und im Rahmen der Vorstellung bespielt. Auch wenn ich den technischen Ansatz des Staatstheaters Darmstadt gelegentlich als überzogen und krampfhaft modern empfinde, ging der Einsatz technischer Mittel in diesem Fall für mich vollständig auf. Die Aufführung wird durch eine Kamera begleitet, die das Publikum filmt und das Bild auf die Bühne projiziert. Plötzlich sieht man sich selbst - exponiert, sichtbar für alle - und wird unweigerlich mit der Frage konfrontiert, welche Rolle man selbst innerhalb dieser gesellschaftlichen Strukturen einnimmt. Ich fragte mich vor allem, welche Rolle ich als Mann darin spiele. Mit der Thematik und der gesamten Faktenlage bin ich vertraut, das Behandelte war auf einer Sachebene mir nichts Neues. Doch auf emotionaler Ebene hat sich erstmals eine echte Verbindung hergestellt. Vielleicht lässt sich das am ehesten damit vergleichen, dass viele Menschen um die Realität der Massentierhaltung wissen, ihre Konsequenzen jedoch erst nach dem tatsächlichen Sehen entsprechender Bilder begreifen. Erst wenn sie emotional berührt werden, dann setzt ein Umdenken ein. Ich wurde an diesem Abend mehr als einmal und mehr als nur ein bisschen emotional angesprochen.
Unterm Strich übt „Prima Facie“ eine fundamentale Kritik an unserem Rechtssystem – und ich bin überzeugt, dass es in seinen Strukturen zumindest teilweise neu gedacht werden müsste. Doch zugleich stellt sich mir die Frage: In welcher Form? Eine Verschiebung der Perspektive, weg von der systematischen Hinterfragung des Opfers hin zu einer stärkeren Fokussierung auf den Angeklagten, erscheint dabei als ein naheliegender Ansatz. Gleichzeitig lässt sich der rechtsstaatliche Grundsatz, im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden, nicht einfach außer Kraft setzen; denn er schützt das Volk wie unsere Verfassung.
Ich denke, dass die Gesellschaft und auch die mit dem Fall betrauten Menschen (Richter, Jury, Zeugen) ein sensibleres Verständnis für das Phänomen einer Sexualstraftat entwickeln müssen. Das geht nur, indem man zuhört. Ich wünschte, alle Menschen könnten einer Vorstellung wie der des Darmstädter Staatstheaters am 27. März zuhören, denn sie war so wertvoll, intensiv und begeisternd, dass es wohl kaum jemanden gibt, den dieser Abend nicht zum Nachdenken angeregt hätte.

