How I did a Fierce Fortune
„Das Drehbuch endlich fertig und noch mehr als drei Monate Zeit bis zur Abgabe, da kann ich ja entspannen“, denke ich mir, doch schon 2 Wochen später waren es nur noch zweieinhalb Monate - bei unverändertem Fortschritt. „Ich denke es ist wichtig, dass du dir mal einen Plan machst und dich daransetzt! Jetzt hast du vielleicht noch viel Zeit, aber in einem Monat sieht es direkt anders aus.“, warnt und motiviert mich meine Freundin. Eine Nacht drüber geschlafen und ich merke: Sie hat Recht! Bei jedem meiner Filmprojekte wurde der Zeitrahmen maßlos gesprengt und als wäre das nicht aussagekräftig genug, sollte die geplante Produktion der mit Abstand größte und aufwendigste Film sein - einer von zwei, die ich bei der Bewerbung abgeben will.
Plan erdacht, Plan niedergeschrieben und in die Ausführung gegangen: Mein Freund Lovis ist ebenfalls enthusiastischer Filmmaker und sichert mir ein Drehwochenende in zwei Wochen zu. Bis dahin müssen allerdings noch einige Dinge erledigt werden, angefangen bei dem Schreiben einer Disposition. Diese wird nach Absprache mit Lovis oftmals umgeändert, doch wer hätte ahnen können, dass aus zwei angesetzten Drehtagen 7 werden würden? Beim Casting lief vieles wie erdacht - ich konnte zwei perfekt zur Rolle passenden ü40-Männer (der Dad meiner Freundin und sein bester Freund) für zwei Nebenrollen gewinnen. Damit wird das Bewerbungskomitee bestimmt nicht rechnen. Auch die restliche Besetzung wird erfolgreich zusammengestellt, doch bis zum letzten offiziellen Drehtag wurden immer noch nicht alle acht finalen Schauspieler gefunden.
Weiter ging es in die Requisite… wie stelle ich eine Schatzkarte her? Mein kreativer Kopf sagt mir ich solle ein Blatt Papier nehmen, dieses 20 Minuten lang zerknüllen, dann die Ränder und Ecken abfackeln und das Pergament ordentlich im Dreck walzen. Heraus kommt für den Zuschauer leider etwas, dass mehr einem benutzten Taschentuch gleicht. Vielleicht habe ich beim Basteln meiner Wegweiser etwas mehr Glück. Ich nehme die Maße beim Drehort, beschrifte DIN A3 Blätter, klebe diese irgendwie zusammen und hoffe, dass mich mein Lineal & die Mathematik am Tag der Entscheidung nicht im Stich lassen wird. Wurfzelt und Schatztruhe krieg ich kurz vor knapp auch noch ausgeliehen - zum Glück hatte ich für Letzteres ein Backup, da erste Verabredung nicht zustande kam. Als Kostüm habe ich einen definitiv coolen, aber auch lässigen Abenteurer Look im Kopf. Ich greife zur eben erst in Thailand maßgeschneiderten Weste, sowie Jeans, Gürtel und Timberlands, da ich noch nie einen Schatzsucher mit Sneaker gesehen habe. Leider ermöglicht mir meine Social Media Reichweite bei dem Kostüm nicht so einen Erfolg wie mit der Requisite - für Halfter, Cowboy Hut und Revolver muss wohl Amazon aushelfen. 🤫 Dann noch eine Verkleidung für ein übernatürliches Wesen einfallen lassen und der Dreh kann losgehen.
Das erste Drehwochenende fängt direkt unvorhersehbar problematisch an. Für Lovis’ Kameraequipment fahren wir extra nach Mannheim zu seinem Filmbetrieb. Dort schlummern nicht nur Objektive und Stative die mein bisheriges Level bei weitem sprengen, sondern auch die Blackmagic Pocket Cinema Camera 6K Pro, in die ich mich über die nächsten Wochen verlieben würde. Wenn man von einer Lumix G70 kommt und auf einmal so ein geniales Bild hat, möchte man es nicht missen wollen. Ich überlege mir, in Mannheim einzubrechen und das Baby zu klauen. Dummerweise dürfen wir am selben Tag noch zwei weitere Male zum Betrieb düsen, weil wir diverse Equipmentparts vergessen hatten - das typische unfachmännisch Filmproblem halt. Dreimal von Heidelberg nach Mannheim fahren schmeckt bei Sprit Preisen von über 2€/l jedenfalls gar nicht! An dem ersten Drehort angekommen steige ich erstmal auf einen Zaun, um die Wegbeschreibungen mithilfe von Klebeband über die richtigen Wegweiser zu heften. Ungefährlich ist die Aktion sicher nicht, aber wenn es ums Rumklettern und waghalsige Aktionen zum Wohle einer kreativen Leistung geht, kenne ich keinen Kompromiss.
Die ersten Shots im Kasten, geht es mit den nun eingetroffenen Darstellern zur Camping-Szene. Ich weiß auch nicht wie das möglich ist, aber fünf erwachsene Männer mit Hochschulreifeabschluss schaffen es nicht, ein Wurfzelt ordnungsgemäß zusammenzulegen - also muss umgedacht werden. Wir drehen Szene für Szene, bis wir uns dem Ende nähern und die Abendsonne für die Closing Scene im Film nutzen. Damit eine Schatztruhe ausgebuddelt werden kann, muss sie natürlich auch erstmal eingegraben werden. Der Schicksalsschlag bei dieser Aktion: Nichtsahnend hämmere ich meine Schaufel vor laufender Kamera in die falsche Stelle am Boden und beschädige dadurch die emotional wertvolle Geburtstagstruhe meiner Freundin - was für ein Idiotenmove! Der Wind macht uns das Leben erneut zur Hölle. Er lässt mich mit Hemd & Weste vor Kälte erzittern und den Schatz so bösartig durch die Gegend flattern, dass man ihn nur mit großer Schwierigkeit beständig vor die Linse bekommt. Die Wolken klinken sich beim Schikanieren ein und scheinen mir ein gleichmäßig beleuchtetes Bild absichtlich zu verwehren. Als wir am nächsten Drehtag die Western Standoff Szene filmen, konnte natürlich auch hier der Zeitplan nicht eingehalten werden. Obwohl Jan es beim zehnten Versuch immer noch nicht schafft seinen Revolver zu zücken, performt der Junge außerordentlich gut und wurde nachträglich von vielen Leuten gelobt. Ich merke, das Casting war gelungen… oder eben nicht, denn Jan ist in letzter Sekunde für seinen Bruder eingesprungen.
Dass Ton in Signifikanz klar dem Bild unterliegt ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dem auch ich nacheifre. Die Kamera lehnt mein Shotgun-Mikrofon während der Drehzeiten von Zeit zu Zeit ab. Wegen fehlendem Blitzschuhadapter befestigten wir es mit Klebeband an der Kamera - diesen ästhetischen Fehler hat sie uns wohl nicht verziehen. Das sollte mir bei der Audiobearbeitung noch teuer zu kosten kommen. In der Greenscreen Szene denken wir um und ich befestigte ein Wireless Mic an meiner Holzhelebarde aus Kinderzeiten, um den Ton angeln zu können. Auch hier ist das Klebeband ein treuer Begleiter. Mit ausgewählten Adventuresongs, deren Lizenz ich definitiv nicht habe, lässt sich der Spielton fixen - doch was ist mit dem Sounddesign? Selbst nach ewigem Suchen komme ich nicht für jede Szene auf meine Kosten, weshalb in Vaters Büro ein paar Foleyaufnahmen eingeleitet werden. Unprofessionell, aber erfolgreich.
Am nächsten Drehwochenende widmen wir uns voll und ganz den Landschafts- und Reiseaufnahmen, denn davon wird der Film immerhin leben. Mit dem Auto sowie zu Fuß durch ganz Rohrbach und den Umkreis gereist, ereignet sich die Parkplatzsuche nicht immer unkompliziert, aber die entsprechenden Szenen waren dann trotzdem im Kasten. Am meisten freuen sich Lovis und ich am Ende eines Drehtages immer auf das Fast Food. Fertig geworden sind wir dann leider doch nicht, weshalb es für den Nachdreh in die dritte Runde zum fünften Drehtag geht. Ein Chapeau! und Shoutout an dieser Stelle für Lovis, der mir tatkräftig bis zum Ende an der Seite stand. Jetzt richte ich das Augenmerk auf die fehlenden Transitions, denn ich kam in der Nachbearbeitung nicht weiter, ohne die Musik und die Szenen ordentlich miteinander abmischen zu können. Die letzte Übergangsszene wird als Einzige mit der Handykamera sportlich vom Glasdach über dem Vorgarten von Laien gefilmt. Zwar brauchen wir dafür etwa 30 Takes, aber das Ergebnis war es definitiv wert. Meine Freunde sehen das etwas anders, denn eigentlich hatten wir uns auf eine Wanderung verabredet. 😅
In der Nachbearbeitung komme ich nun endlich weiter, doch auch hier läuft mein Arbeitsprozess alles andere als reibungslos. Die mittlerweile 500GB schwere Mediathek muss ich auf einer externen Festplatte schneiden. Darauf hat mein Macbook leider nicht so Lust und streikt mit einer geringen Performance und häufigen Aussetzern - wenn etwas beim Film keinen Spaß macht, dann das! Das ursprünglich gesetzte Abgabedatum von Anfang Mai rückt immer näher, sodass ich einen Plan anfertige, der alle restlichen To Do’s aufführt. Dabei fällt mir auf, dass ich dringendst einen Zahn zulegen muss. Mit am aufwendigsten erschien mir das Einspielen meiner Geigenmusik als Cover für die Filmmusik (diese Zusatzpunkte musste ich mir einfach holen!) und das Drehen der letzten Shots, die zwar jeweils nur 5 Sekunden gehen sollen, aber vier verschiedene Schauspieler an ebenso vielen unterschiedlichen Locations erfordern. Erstere Idee wurde aus Umsetzungs- und Zeitgründen traurigerweise verworfen… dabei hätte man es sich denken können.
In meinem Filmpraktikum zuvor verstand ich, weshalb ein Filmteam aus mehreren Zehn, bis Hundert, bis Tausend Leuten besteht. Während des gesamten Schaffensprozesses lernte ich, wieso es eine schiere Herausforderung ist, dieses Team in einer Person zu vereinen. Umso stolzer ist man allerdings auf das Ergebnis, obgleich man sich mit gesundem Perfektionismus immer noch an den etlichen „verbesserungswürdigen“ Gegebenheiten aufhängt. Meiner Meinung nach bietet kaum ein Medium so viel Spielraum zur künstlerischen Entfaltung und Diversität, wie es beim Film der Fall ist. Ich merke erneut, dass ich hier richtig aufgehoben bin und hoffe, dass der Aufwand vom Gremium der Universität entsprechend anerkannt wird. Das wird mir den Weg ebnen, um meiner Leidenschaft professioneller nachgehen zu können.

